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Deutsche Juche Ideologie ?
#1
So wie ich das mitbekommen habe, versteht sich die Juche-Ideologie als dezidiert nordkoreanische Variante des Sozialismus. Ich meine gelesen zu haben, dass man das dortige System nicht 1:1 für übertragbar auf andere Nationen hält, da zu verschieden.

Mich würde nun interessieren, ob eine Art "deutsche Juche-Ideologie" existiert, die sich basierend auf der nordkoreanischen Variante an einer Anpassung an deutsche Verhältnisse versucht hat. Weiß das jemand?
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#2
Welch ketzerische Frage !

Schon alleine the These, dass "Juche" eine nordkoreanisch-nationale Variante des Sozialismus sei, gibt die antwort vor.

oder meinst Du, aus "national" und "Sozialismus" eine andere Ideologie ableiten zu können?

Folgender Hinweis sei gestattet: Von 1985 bis 1989 (?) war ein gewisser Hans Klecatsky Vorsitzender der internationalen Juche-Gesellschaft. Dieser Hans Klecatsky war damals ein "Rechts-Außen" in der österr. politischen Szene !

Berüruhrngspunkte muß es also wohl geben ...

LG, Kuwolsan

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#3
Juche basiert auf Marx und Lenin, diese beiden hängen nicht zufällig groß auf dem Kim Il Sung-Platz. In Nordkorea wurde das von Kim Il Sung zu Juche weiterentwickelt. Auch in Deutschland hatten wir schon mal einen Staat namens DDR welcher darauf aufgebaut hat. Der Unterschied war wohl, dass der DDR-Sozialismus seine Internationalität (z. B. Warschauer Pakt) beibehalten hat, während in Nordkorea zwar gute Kontakte zu allen sozialistischen Staaten und Organisationen gepflegt werden, aber Juche tatsächlich als nicht auf andere Staaten übertragbar gesehen wird. In Nordkorea sagt man, dass jedes Land, dass den Sozialismus will, seinen eigenen Weg finden muss. So gesehen, wird man die internationalen Juche-Gruppen eher als Freundschaftsgruppen für Nordkorea sehen müssen, welche ihr Verständnis für die DVR Korea schulen wollen, weniger als Gruppen die das System 1:1 auf ihr Land übertragen wollen. Deutsche Juche-Ideologie wäre eigentlich ein Widerspruch in sich meiner Meinung nach.

Der deutsch-österreichische Nationalsozialismus basierte nicht auf Marx und Lenin (im Gegenteil, die Marxisten wurden stark verfolgt) und war in einer Zeit bevor es Juche überhaupt gab, damals war Korea noch eine von Japan übelst drangsalierte Kolonie. Von daher finde ich die Verbindung Nationalsozialismus (D)-Juche ein konstruiertes Totschlag-Argument gegenüber Nordkorea. NS-Vergleiche sind immer ein beliebtes Mittel um etwas verbal niederzuschlagen, aber historisch gesehen gibt es nicht die geringste Verbindung.

Klecatsky ist wirklich eine interessante Person. Es kommt immer wieder vor, dass Personen ihre Ideologie auf Nordkorea beziehen. Ich erinnere mich, dass es vor einiger Zeit mal eine Foto-Ausstellung in Österreich gab, wo sich der Urheber auch über das Fehlen von Gesindel etc. in Nordkorea gefreut hat. Der spezielle Weg Nordkoreas scheint immer wieder auch seltsame Menschen anzuziehen, welche ihre persönliche Ideologie darauf übertragen wollen. Aber gerade bei diesen Äußerungen zweifle ich sehr stark an, dass das Nordkorea will. Juche ist sicher nationalistisch, aber anderseits sicher nicht ausländerfeindlich. Wer sich ehrlich dafür interessiert, ist immer willkommen, egal woher er kommt. In Deutschland hat sich ein Herr Hitler geweigert einem Schwarzen bei Olympia 1936 die Hand zu geben, wer das in Nordkorea sucht, wird lange suchen, die NS-Verbindungen herbeizureden ist Quatsch, die meisten Schwarzen habe ich in Pyongyang getroffen bis jetzt (Kunstfestival im April)...
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#4
Hallo sepp,

ich freue mich über Deine Antwort. Ich sehe das so ähnlich wie Du; vorher habe ich eine absurde Antithese aufgestellt (nämlich der Vergleich von Juche mit Nationalsozialismus) um im Sinne von jperazor die Diskussion hier im Forum etwas voranzutreiben.
Die politische und ökonomische Ideologie von Juche und Nationalsozialismus ist natürlich völlig konträr.

Ich möchte aber noch auf das Verhältnis zwischen Marxismus und Juche eingehen:
Marx meinte doch in seiner Kritik zur politischen Ökonomie, dass sich einjede Gesellschaft quasi aufgrund eines Naturgesetztes (also egal, ob es die Menschen so wollen oder nicht) vom Feudalismus über den Kapitalsimus und Sozialismus zum Kommunismus hin entwickelt.

Nach der Staatswerdung und dem Koreakrieg gab es innerhalb der nordkoreanischen politischen Elite lebhafte Diskussionen, wie da der Fall Nordkoreas einzustufen wäre. Dort entwickelte sich (nach der Ansicht etlicher nordkoreanischer Intellektueller) die Gesellschaft vom Feudalismus unter Auslassung des Kapitalismus direkt zum Sozialismus/Kommunismus. Wie sei dass nun mit der Marx'schen Theorie vereinbar. Es fehlte auch der Klassenkampf der Arbeiter gegen kapitalistsiche Ausbeuter.
Dazu kam der Versuch der äußeren politischen Einflußnahme seitens der chinesischen und sowjetischen Nachbarn.
So schuf man in Nordkorea eine neue Ideologie, mit der die gesellschaftliche Situation erklärt werden konnte: "Juche": nämlich, der Wille eines (mehrerer) Menschen bzw. deren Führer leiten die Gemeinschaft zum Vorteil aller in die klassenlose Gesellschaft.
Die gesellschaftliche Situation in Nordkorea war nun nicht mehr Resultat eines vom Menschen unabhängigen Naturgesetzes, sondern das Resultat der Willensentscheidung des Volkes (bzw. dessen Führers, da in der Juche-Idee das Volk die Willensentscheidung zu Ihrem Vorteil an den Führer überträgt).
Logisch gesehen vermute ich das Problem der Juche-Idee beim Führer (bzw. der Führung), denn was passiert, wenn dieser bei seiner freien Willensentscheidung plötzlich nicht mehr den Weg der permanenten Revolution in Richtung Kommunismus gehen will oder kann.
Nach dem nordkoreanischen Juche-Verständnis existiert aber dieser "abwegige" Gedanke nicht, sondern der ideale Führer (die Führung) setzt aufgrund seines idealen Wissens und Willens stets den Weg zum Kommunismus fort.
In weiteres speziell koreanischen Problem der Führung sehe ich darin, dass zumindest ein Teil der Legitimisierung des Führung Nordkoreas durch den Kampf gegen die Unterdrückung (durch Japan) und für Unabhängigkeit und Freiheit begründet wird. Was, wenn sich die außenpolitische Situation ändert; und wird dieses Argument im Zeitverlauf ohnehin nicht automatisch schwächer ?

Zum Verrhältnis von Klecatsky zu Juche: die gesellschaftspolitische und ökonomische Weltanschauung beider ist auch völlig konträr !
Was verband dann beide so stark, dass Klecatsky der Präsident der Welt-Juche-Organisation werden konnte ? Die Antwort: ähnliche außenpolitische Ansichten: während Kim Il Sung den amerikanischen Militärimperialismus für die Teilung Koreas verantwortlich machte, gab Klecatsky dem früheren amerikanischen Präsidenten Wilson die Schuld für die Teilung Tirols in ein Nord- und Südtrirol (nach dem 1. Weltkrieg). Beide sahen sich also geeint in ihrer Rolle als Opfer des amerikanischen Imperialsmus. Das wirkte stärker als die höchst unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Anschauungen und so konnte früher bei den Internationalen Juche-Konferenzen ein Foto Klecatskys stets gleich hoch und groß neben dem Bild Kim Il Sungs an der Wand hängen.
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#5
Zum Begriffsverständnis der "Nation" in Nordkorea

In Zusammenhang mit Erklärungsversuchen der vorherrschenden Ideologien Nordkoreas kann man des öfteren den - Stalin zugeschriebenen - Slogan "NATIONAL in der Form und SOZIALISTISCH im Inhalt" hören.

Als Ausganspunkt zum folgenden Diskurs erlaube ich mir folgenden KCNA-Bericht vom 20.Juni 2007 anzuführen:

"Korean People Preserve Juche Character and National Character

Pyongyang, June 19 (KCNA) -- The Democratic People's Republic of Korea is consistently preserving the Juche character and national character in all fields of the social life as an important issue for the independent development of the nation.
Kim Jong Il published the famous work "On Preserving the Juche Character and National Character of the Revolution and Construction" on June 19, Juche 86 (1997) to clearly indicate the road ahead of countries and nations.
He, in the work, elaborates in a comprehensive way the tasks and ways in the efforts for keeping the Juche character and national character in the revolution and construction and realizing the prosperity of the country, including the issues of adhering to the patriotic stand and enhancing national pride and self-confidence.
Under the leadership of Kim Jong Il the Korean people have independently settled all the problems arising in the socialist construction, holding fast to the Songun politics as main political mode of socialism and waged a dynamic struggle for smashing the ever-intensified moves of the imperialists to stifle the DPRK and defending the national sovereignty.
An energetic work has been undertaken to give full play to the superiority of the nation. As a result, the historical relics have been restored to their original state in accordance with the principles of historicism and modern character and the living practices, good manners and customs peculiar to the nation have been developed and enriched.
The folk holidays and folk amusement games have been encouraged, folk streets built in cities and the folk food restaurants made their appearance.
Literature and art, national in form and socialist in content, have been effloresced brilliantly. The mass gymnastic and artistic performance "Arirang" was completed into an extravaganza and world startling-successes were made in art fields of feature film, circus and fine arts.
...
All these successes of the Korean people prove clearly the validity and vitality of the idea of preserving the Juche character and national character in the revolution and construction."


In Südkorea ist oft die Form wichtiger als der Inhalt, ich weiß nicht wie das in Nordkorea ist, nach dem Durchlesen obigen Artikels habe ich zumindest den Eindruck, dass die Juche-Idee" und die "Idee der Nation" in Nordkorea als gleichgewichtig für die eigene Staatsidee angesehen werden.

Den Begriff, die Bedeutung und den Inhalt der Juche-Idee zu verstehen, ist wohl keine einfache Sache.
Beim Begriff der "Nation" sollte alles klar sein.
Aber, verstehen wir (Mitteleuropäer) und die (Nord)koreaner unter "Nation" wirklich das gleiche, was bedeutet "Nation" für die Nordkoreaner?

Die Antwort darauf zu finden ist relativ einfach, den Kim Jong Il selber erklärt, was unter "Nation" in Nordkorea zu verstehen sei:

"Bald nach seinem (Anm,: Kim Jong Ils) Eintritt in die Universität hatte er Unterricht in "Die Geschichte Koreas". Ein Student fragte, was die Kriterien für eine Nation seien. Er meinte, die Lehrbücher schreiben, dass eine Nation durch eine psychologisch bedingte Identität - basierend auf den vier Faktoren: Identität von Sprache, Territorium, ökonomisches und kulturelles Leben - bestimmt sei. Wenn das so ist, fragte er, was ist dann mit den Koreanern, die im Ausland leben.
Kim Jong Il antwortete, diese Begriffserklärung wäre um 1910 nach der Analyse europäischer Länder niedergeschrieben worden. Diese Länder waren multi-rassische (Anm: multiracial) Länder und diese Begriffserklärung sollte nicht auf Korea angewendet werden, denn die koreanische Bevölkerung besteht nur aus einer einzigen Nationalität.
"Das Hauptkriterium für eine Nation ist die Identität von Blut, Sprache und Territorium; unter diesen sind das gemeinsame Blut und die gemeinsame Sprache das Hauptmerkmal einer Nation ... Die Koreaner haben alle daselbe Blut, sprechen die gleiche Sprache und leben seit langer Zeit auf dem gleichen Territorium ..." Die in Japan lebenden Koreaner sind von den japanischen Imperialisten und kapitalistischen Kollaborateuren gezwungen worden, die geliebte Heimat in Richtung Japan zu verlassen, deshalb gehören sie auch zur koreanischen Nation".


Jetzt wissen wir also, "Nation" bedeutet für einen Koreaner vor allem "dasselbe Blut" und dann die "geiche Sprache".

Praktische Auswirkungen dieses "Nation"-Verständnisses: Zu Beginn war das Kumgangsan-Gebirge touristisch nur für (Süd)Koreaner geöffnet worden, nocht nicht für andere Nationalitäten (für die erst später). Da leben etliche Amerikaner in Südkorea, die sind dort schon gebore, sprechen ganz normal koreanisch und besitzen die südkoreanische Staatsbürgerschaft. Als manche von Ihnen an einer Reise ins Kumgang-Gebirge teilnehmen wollten, wurden sie von den nordkoreanischen Behörden zurückgewiesen, sie wären ja keine Koreaner. Andrerseits staunten manche südkoreanische Touristen nicht schlecht, als sie in ihrer Reisegruppe nach Amerika ausgewanderte Koreaner mit amerikanischen Pass und rudimentären Koreanisch-Kenntnissen bemerkten. Die durften schon zum Kumgang-Gebirge fahren, sie waren ja (nach nordkoreanischen Verständnis) echte Koreaner.

Ein anderes Beispiel: Zu den Wahlen zur Obersten Volksversammlung wurden medienwirksam (fürs nordkoreaische Zielpublikum) eine Handvoll Koreaner aus Amerika, Kanada, Japan eingeflogen, die bei der Wahl den Stimmzettel vor den Kameras der einheimischen Journalisten in die Wahlurne einwarfen. Das diese "Wahl"-Gäste keine nordkoreanischen Staatsbürger waren, war nebensächlich, waren sie doch blut-echte Koreaner.

Etwas anders verhält sich Nordkoreaner gegenüber den Tausenden Koreanern in China. Die können bei solchen Events nicht teilnehmen, Nordkorea läd sie erst gar nicht ein. China hat ein völlig anderes Verständnis der "Nation" als Nordkorea und gegenüber China gilt es vorsichtig zu sein.

Daher, wählte Nordkorea folgenden pragmatischen weg. Richtige Koreaner sind alle Bluts-Koreaner, die in der weiten Welt leben, außer die in China lebenden Koreaner.

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#6
Mich erstaunt etwas deine Aussage bezüglich der chinesischen Koreaner, von einer solchen generellen Ausgrenzung habe ich noch nie etwas gehört.

Grundsätzlich kann ich das auch bestätigen, dass man viel Wert auf die Zusammengehörigkeit der Koreaner legt. Was mir nicht so ins Bild passt war die Erfahrung, dass einem Deutschen, welcher wegen seiner Vorfahren einen koreanischen Namen trägt, kein Touristenvisum erteilt wurde. Einige Tage später habe ich im Hotel in Pyongyang wiederum eine Touristin aus Skandinavien getroffen, welche aus Südkorea ausgewandert ist. Also offensichtlich manchmal selbst für die Koreaner selber ein schwieriges Thema, wo die Ausnahmen die Regeln bestätigen :-)
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#7
Die Situation mit den chinesischen Koreaner hat weniger mit einer Ausgrenzung seitens Nordkorea als mit einer Eingrenzung durch die Chinesen zu tun.
China wendet für die "Nation" nicht die Blutlehre wie die beiden Koreas an, sondern eine Kultur- und Rechtslehre. Für die Chinesen gilt als Chinese, wer nach den chinesischen Kulturvorstellungen lebt, bzw. wer chin. Staatsbürger ist, egal welcher Ethnizität er/sie nun angehört.
Die Chinesen sehen es nun gar nicht gerne, würde ein koreanischer Chinese plötzlich auch in einem anderen Land an einer Wahl teilnehmen.
Und als kleiner Nachbar akzeptiert Nordkorea wohl solche Gedanken.
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#8
Ahja, so rum gesehen macht es Sinn.
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#9
Danke für diese Beiträge, aufschlussreich. Allerdings, so ganz ist meine Frage noch nicht beantwortet - das die Juche-Ideologie allein auf Nordkorea ausgelegt ist, konnte bestätigt werden, aber gibt es etwas Vergleichbares im deutschsprachigen Raum?

Ich frage deshalb, weil die meisten mir bekannten sozialistischen / kommunistischen Parteien und Vereinigungen hierzulande ja weder das nationale Element noch Autarkie noch die Bedeutung der Armee betonen...
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#10
Ich denke, dass es damit eigentlich beantwortet ist. Weil es was speziell Nordkoreanisches ist, gibts nichts Vergleichbares. Kann es eigentlich auch kaum geben...
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